| Entstehungsgeschichte der Kreisschule Mittelgösgen
Das Ringen eines halben Jahrhunderts hat zur Schaffung der Kreisschule Mittelgösgen geführt. Seit 1973 sind die drei ehemaligen Oberstufenschulen der Region Mittelgösgen, die Bezirksschule Lostorf, die Kreissekundarschule Winznau und die Oberschulen von Lostorf und Obergösgen in unserem Oberstufenzentrum zusammengefasst. Zum Zweckverband der Kreisschule gehören auch die in Obergösgen geführte Kleinklasse und die in Mittelgösgen unterrichtete Werkklasse. Während Jahrzehnten verhinderte ein sturer Dörfligeist, der die eigene Gemeinde im Mittelpunkt der Region sehen wollte, einen geschlossenen Schulkreis Mittelgösgen.
Die ersten Bemühungen um eine Kreisschule im mittleren Gösgeramt reichen in das erste Viertel des letzten Jahrhunderts zurück. Allerdings dachte man damals bloss an die Gründung einer regionalen Bezirksschule; an den Einbezug bzw. die Schaffung einer regionalen Hilfsschule, Oberschule und Sekundarschule dachte in unserer Gegend damals noch niemand. Bis zu jener Zeit besuchte eine Minderheit der Volksschüler aus Obergösgen, Lostorf, Stüsslingen und Rohr die Bezirksschule Schönenwerd, während Winznau der Bezirksschule Trimbach angeschlossen war. Die Bezirksschule verstand sich damals noch als eigentliche Eliteschule; überheblich bezeichnete sie sich bisweilen als "Universität der Volksschule". Die Mehrheit besuchte die Oberschule, die einfach eine Weiterführung der Primarschule darstellte.
Die Schaffung einer regionalen Bezirksschule in Lostorf schien zunächst reibungslos zu verlaufen. Alle Vertreter der Gemeinden Stüsslingen, Lostorf, Obergösgen und Winznau begrüssten an einer Konferenz in Lostorf am 24. September 1924 die Gründung einer Bezirksschule Lostorf. Allein Winznau konnte sich nicht definitiv entscheiden, ob es sich dem neuen Bezirksschulkreis Lostorf anschliessen oder beim bisherigen Kreis Trimbach verbleiben sollte. Kurz darauf lehnten jedoch die Gemeindeversammlungen aller Nachbargemeinden den Beitritt zur Bezirksschule Lostorf ab.
Trotzdem beschloss die Gemeindeversammlung von Lostorf am 8. Februar 1925 die Schaffung einer Bezirksschule. Doch in der Zwischenzeit träumte auch Obergösgen von einer eigenen Bezirksschule. Ein Jahr später, am 15. Februar 1926, reichte auch Obergösgen dem Regierungsrat ein Gesuch um Errichtung einer Bezirksschule ein. Die Obergösger hatten mittlerweile bereits Winznau und Dulliken für ihre Kandidatur gewonnen. Beiden Gemeinden schien der Besitz einer Bezirksschule so attraktiv, dass sie bereit waren, erhebliche Kosten auf sich zu nehmen, denn sie mussten für Schulraum und Mobiliar selbst aufkommen. Beide Gemeinden führten für ihre Kandidatur bedeutende Vorteile ins Feld. Als grösste Gemeinde des Gösgeramtes betrachtete sich Lostorf als Mittelpunktgemeinde, die für Rohr, Stüsslingen, Obergösgen und Winznau zentral gelegen war. Ausserdem verfügte Lostorf im 1912 erbauten Schulhaus über genügend Schulraum. Obergösgen plante ein neues Schulhaus mit den nötigen Räumen für eine Bezirksschule. In ihrem Schreiben an den Regierungsrat vergassen die Obergösger nicht, an ihre lokale geschichtliche Bedeutung zu erinnern. Zur Zeit der gnädigen Herren sei Obergösgen der Hauptort der Landvogtei Gösgen gewesen und noch im neunzehnten Jahrhundert habe der Oberammann hier seinen Sitz gehabt.
In seinem Entscheid vom 26. Februar 1926, wem die Bezirksschule im mittleren Gösgeramt zuzusprechen sei, versuchte der Regierungsrat ein salomonisches Urteil zu fällen. Die Wahl fiel auf Lostorf. Um den Verlierern die Niederlage etwas zu versüssen, räumte der Regierungsrat den Obergösgern und Winznauern das Recht ein, ihre Kinder weiterhin nach Schönenwerd bzw. nach Trimbach zu schicken.
Am 26. April 1926 konstituierte sich die Bezirksschulkommission Lostorf. Während vierzig Jahren blieb die Bezirksschule Lostorf eine Zwergschule, die bis 1966 nur zweiklassig geführt wurde. Die Mehrheit der Obergösger und Winznauer Bezirksschüler besuchte weiterhin die Bezirksschule Schönenwerd bzw. Trimbach, da die Schüler dort auch die Möglichkeit hatten, den 3. Kurs zu besuchen. Die Absolventen der Bezirksschule Lostorf konnten den 3. Kurs ursprünglich in Olten, später in Trimbach besuchen.
Erst mit dem Bezug der Kreisschule 1973 konnte der Bezirksschulkreis Mittelgösgen geschlossen und das Recht der Eltern aus Obergösgen und Winznau aufgehoben werden, ihre Kinder wahlweise nach Schönenwerd bzw. Trimbach oder nach Lostorf zu schicken. Die zusätzlichen Schüler aus diesen zwei Gemeinden und die seit den sechziger Jahren sprunghaft zunehmende Bevölkerung machten eine Parallelisierung der Bezirksschule notwendig.
Während andere Kantone schon seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine dreigeteilte Oberstufe kannten, schritt die Gründung von Sekundarschulen im Kanton Solothurn nur zögerlich voran. Pionierdienste leistete die schulfreundliche Stadt Olten. Vorerst trennte man von 1926 bis 1928 die Oberschüler in eine bessere und eine schlechtere Klasse. Gestützt auf die guten Erfahrungen mit dieser Abtrennung beschlossen die Oltner Behörden: "Vom Schuljahr 1928/29 an werden die Schüler der 7. und 8. Klasse der Primarschule nach Massgabe ihrer geistigen Befähigung in eine höhere und eine niedrigere Stufe aufgeteilt... Die höhere Abteilung führt den Namen 'Städtische Sekundarschule'." Dieser Beschluss darf als Geburtsstunde nicht nur der Sekundarschule Olten, sondern dieses Schultyps im Kanton Solothurn ganz allgemein betrachtet werden.
1930 eröffnete zwar die Stadt Solothurn eine Sekundarschule. Doch es dauerte noch Jahrzehnte, bis sich diese Oberstufenreform im ganzen Kanton durchsetzte. Erst als Trimbach und Schönenwerd 1954 ebenfalls Sekundarschulen eröffneten, zogen weitere Gemeinden nach. 1960 erreichte die Obersstufenreform auch den Kreis Mittelgösgen. Nachdem sich die Vertreter aus Stüsslingen, Lostorf, Obergösgen und Winznau am 22. Januar 1960 zu einer ersten Sitzung getroffen hatten, leisteten sie innert kürzester Zeit ganze Arbeit. Schon am 21. März 1960 konnte die Aufnahmeprüfung für das erste Schuljahr an der Kreissekundarschule Winznau durchgeführt werden. Von 1961 bis 1967 wurde die Schule zweiklassig geführt. Den freiwilligen dritten Kurs besuchten die Schüler in Trimbach oder Olten. Da sich bereits 1966 Schwierigkeiten bei der Unterbringung der Schüler des dritten Kurses abgezeichnet hatten, wurde auf Frühjahr 1967 die Schaffung einer dritten Sekundarklasse beschlossen. Mit der Integration der Kreissekundarschule Winznau in die Kreisschule Mittelgösgen wurde die Parallelisierung aller drei Sekundarklassen notwendig.
Am längsten dauerte es bei der Oberschule, bis sie ihre heutige Ausrichtung und Qualität erhielt. Während Jahren behandelte man sie nicht als eigentlichen Oberstufentyp. Sie wurde als 7. und 8. Klasse der Primarschule geführt. In den meisten Gemeinden unserer Region wurden die Schüler der 7. und 8. Klasse mit den Sechstklässlern oder sogar mit Fünft- oder Sechstklässlern gemeinsam unterrichtet. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte man diesem Begabungstypus gerechter zu werden. Verschiedene Lehrer griffen das damalige didaktische Schlagwort "Learning by doing" oder des "Lernens auf werktätiger Grundlage" auf. Stüsslingen, Lostorf, Obergösgen und Winznau erhielten Holzbearbeitungswerkstätten. Aber erst mit der Abtrennung von der Primarschule und der Einführung einer spezifischen Ausbildung für Oberschullehrer konnten die Anliegen der Oberschule verwirklicht werden. Lostorf besass bereits ab 1953 eine Oberschule. Um die Ziele der Oberschule zu verwirklichen, mussten sich kleinerer Gemeinden zusammenschliessen. Seit 1964 besuchten die Schüler von Winznau die Oberschule in Obergösgen, zeitweise aber auch jene von Lostorf. Die Schüler aus Stüsslingen und Rohr wurden weiterhin mit der sechsten Klasse in Stüsslingen unterrichtet. In den letzten Jahren vor der Integration aller Oberschulen in der Kreisschule Mittelgösgen wurden die Rohrer Schüler ebenfalls der Oberschule Lostorf zugeteilt.
Lange Zeit wurde auch in unserer Region den heilpädagogischen Schulen nicht ein ebenbürtiges Interesse entgegengebracht. Erst beim Bezug der Kreisschule 1973 wurden in Lostorf und Obergösgen je eine heilpädagogische Hilfsschule eröffnet. Die klassenübergreifende Primarschulabteilung bezeichnete man als "Kleinklasse" und die entsprechende Abteilung der Oberstufe als "Werkklasse". Ab 1978 galt grundsätzlich folgende Regelung: Führung einer Kleinklasse in Obergösgen und einer Werkklasse an der Kreisschule Mittelgösgen. Beide werden vom Zweckverband Kreisschule Mittelgösgen verwaltet. Dieser Grundsatz wurde jedoch mehrfach durchbrochen, teils, weil keine entsprechend ausgebildete Lehrkraft zur Verfügung stand, teils, weil die Klassenbestände die nötige Grösse nicht erreichten. Gegenwärtig scheint der erstrebte Normzustand auch für die Zukunft wieder gesichert zu sein.
Die Idee eines regionalen Oberstufenzentrums im mittleren Gösgeramt wurde an einer Tagung der Gemeindepräsidenten in Obergösgen 1967 zum ersten Mal ernsthaft diskutiert. Die massive Bevölkerungszunahme in den goldenen Sechzigerjahren und die damit zusammenhängenden Schulraumfragen drängten auf eine rasche Lösung. Die Schaffung eines geschlossenen Schulkreises und die Bereitstellung der gesamten Infrastruktur für alle Volksschultypen beweisen, dass die Notwendigkeit und eine zündende Idee ein Werk zu schaffen vermochten, wozu vorher Jahrzehnte nicht imstande waren.
Otto Herzig
|